Wie in Kinsteere Kerb gefeiert wird

Felix Weilbächer (1989)

 

(Der Aufsatz befindet sich auf dem Stand von 1989. An einigen Stellen wird auf wichtige Veränderungen hingewiesen, die sich seitdem ergeben haben.)

 



Kinsteerer Kerb fällt auf den Sonntag nach Gallus. Gallus ist der 16.10., genannt nach dem heiligen Gallus (550 - 645), der den Alemannen predigte. Ist Gallus selbst ein Sonntag, so ist dies der Kerwesonntag. 


Seit Menschengedenken sind die Träger des Kerwebrauchtums die Kerweborsch. Die jungen unverheirateten Burschen ab 15 Jahren richteten in bis zu drei eigenständigen Gruppen in ihren Wirtschaften und auf den Straßen und Plätzen das Fest für die Dorfbevölkerung aus. Zeitweilig gesellten sich zu den Kerweborsch noch Kerwegesellschaften. Das waren in der Regel Zusammenschlüsse von Männern, die den Kerweborschjahrgängen schon entwachsen waren, aber trotzdem noch soviel Spaß am Kerwerummel hatten, daß sie ihren Umzug durchs Dorf und ihre Tanzveranstaltungen organisierten. 


Zwischen den verschiedenen Gruppen gab es immer den Wettkampf um den höchsten Kerwebaum, um die beste Stimmung im Saal und manche andere Rivalität, aber bei aller Konkurrenz doch viel Gemeinsames. So finden sich in den Archiven viele Fotografien, die Kerweborsch aus den verschiedenen Wirtschaften beim gemeinsamen Zug durch die Gemeinde am Kerwemontag zeigen. 


Heute sind alleine die "Kerweborsch im Kaisersaal" übriggeblieben. (Inzwischen wird auch bei der Alemannia 07 wieder mit Kerweborsch gefeiert.)Wie sie die Kinsteerer Kerb heute feiern, das soll im folgenden Kapitel den roten Faden des Berichtes bilden; wie es früher war, wird -soweit es übeliefert ist- von Fall zu Fall eingeflochten werden. 


Noch bis in die 70er Jahre begannen die Vorbereitungen zur Kinsteerer Kerb am Samstag nach der Haßlocher Kerb. In den folgenden Wochen vor der Kerb kamen die Kerweburschen in ihrer Wirtschaft zusammen und beratschlagten den Verlauf der Kerb. Angefangen von der Auswahl der richtigen Kapelle für die Tanzveranstaltungen und den Umzug über das Reimen des Kerwespruches, das Besorgen des Kerwebaumes, bis hin zu den kleinen Besonderheiten, mit denen sie die Veranstaltungen der Kerb würzen wollten, kümmerten sie sich um alles, was für das Gelingen des Festes von Belang war. Vor allem besuchte man aber auch die Kerben der Nachbargemeinden, um sich umzusehen, was die Konkurrenz so leistete. Wenn es möglich war, versuchte man auch schon einmal seine Kräfte zu messen, meist zwar im Gesang und mit Schlachtrufen, es kam aber auch durchaus einmal vor, daß die Fäuste flogen, wenn es die Auswärtigen allzu toll trieben. Und schon immer versuchten die Kerweborsch, unsere Nachbarn mit kleinen Streichen herauszufordern. Dabei galt eine geklaute Kerwefahne oder gar ein abgesägter Kerwebaum als großer Erfolg. 


Heute haben die Kerweborsch ihre Aktivitäten auf das ganze Jahr ausgeweitet. Sie treffen sich in der Regel jeden ersten Samstag im Monat in verschiedenen Wirtschaften Königstädtens. Im März wird der Kerwevadder gewählt. Das Ergebnis dieser Wahl wird bis Kerwesamstag vor der Öffentlichkeit als strenges Geheimnis gehütet.



Der Kerwevadder 

 

Der Anführer der Kerweborsch wird seit den Jahren nach dem 1. Weltkrieg Kerwevadder genannt. Winter berichtet, daß er vorher einfach "Kerweborsch" genannt wurde. In anderen Gegenden, z.B. in Teilen des Odenwaldes, heißt diese Figur auch "Kerweparre", und der Kerwespruch entsprechend "Kerwepredigt". In manchen Dörfern treten zur Kerb ein Brautpaar alsSymbolfiguren auf. Der Kerwespruch heißt gelegentlich auch "Kerweredd". 


In Kinsteere ist der Kerwevadder die Zentralfigur der Kerb. Das wird für die Gäste der Kerb vor allem deutlich, wenn er schließlich am Sonntag den Kerwespruch vorträgt.


Seine Rolle bei der Vorbereitung und Durchführung der Kerb umfaßt aber eine Fülle weiterer Aufgaben. Er lädt zu den Vorbereitungstreffen ein, er leitet diese, er führt die Aufnahmezeremonien der neuen Kerweborsch durch.Während der Kerb leitet er alle Aktionen der Kerweborsch. Von seiner geschickten Lenkung und von seiner Fähigkeit, die Kerweborsch zu einer guten Gruppe zusammenzuführen, hängt wesentlich der Erfolg einer Kerb ab. 


Zuletzt führen die Kerwevädder der "Krone" seit 1947 eine handgeschriebene Chronik, die von Kerwevadder zu Kerwevadder weitergegeben bis heute 43 Jahre Kerwegeschehen dokumentiert. In ihr sind jeweils die herausragendenGeschehnisse der Kerb und alle Namen der Kerweborsch des Jahres verzeichnet. 


Bis 1982 wurde diese Chronik in einem schmalen, hohen Kassenbuch geführt, denn 1947 war, wie der damalige Kerwevadder Georg Reitz schreibt, einfach kein anderes Buch zu beschaffen. Mit dem Eintrag von 1982 wurde das Buch voll. Bis heute wird aber die Chronik in einem neuen Album fortgeführt.



Die Kerwemodder 

 

Zu einem Kerwevadder, das ist klar, gehört die Kerwemodder. Hierzu erfahren wir einiges in einem "Originalton-Bericht" eines ehemaligen Kerwevadders: 


"Wie ich Kerwevadder wern sollt, hon mir die annern erzählt, du mußt e Kerwemodder ho. Un wann du koa Kerwemodder host, dann kanns de deun Kerwespruch noch so gut mache, wann de in de Saal kimmst un host koa Kerwemodder, dann werst de ausgeblose (die Musik spielt en Dusch un dann kannste abhaue). Des hat jo gar net gestimmt, awwer ich hab des geglaabt, ich hatt ja wie gesacht keune Ahnung, ich war ja noch net debei gewese. Un dann is es losgange. Dann sin die zu dritt un zu viert mit mir uff jed Kerb in de Umgeschend; wo en Blechdeckel gerabbelt hat, seun mer hin. Un ich han unner de Töchter des Landes gesucht. Un dann hat ich oa un seun vorbeigedanzt, und die Ganove hinne am Disch han mit em Kopp geschiddelt. Net alles, daß ich des Mädche midde uff de Danzfläch hon stehe losse. Do lache die heit noch driwwer. Die hon mich so uff de Roller genumme, ich waas net was fer Bardiee (Mehrzahl von Partie) mer so dorsch die Lappe gange seun. 


Schließlich han ich meu Fraa net kennegelernt, sondern sie mich. Mer seun mit dem Johrgang 48 vun de Schulentlassene noch emol danze gange, mer hon ja net danze kenne . 


Es war zu vorgerickter Stunde uff em Danzkränzche. Un wie des so is, mir hatte oan gesoffe und die annern aach. Do is laut dorsch de Saal kresche worn: "Geh mol her, do is oa, die will dich  kennelerne!", un do seun ich druffgesterzt, un des war meu Fraa. Des is meu Fraa gewwe, des hot die Kerwemodder gewwe. Dann hon ich net mehr gefregt, ob des so war odder so war, des war mer ganz egal. Des war die Kerwemodder."



Die Zeit vor der Kerb 

 

Neben der Pflege der Geselligkeit wird in den Kerweborschsitzungen vor allem das "Gewußt-wie" von einer Kerweborschgeneration an die nächste weitergegeben. Für die Weitergabe der Kerweborschtraditionen ist dadurch gesorgt, daß die jungen Männer jeweils für einige Jahre bei den Kerweborsch bleiben und so die älteren den jeweils nachrückenden Jahrgängen die Bräuche, die Lieder und die teilweise eifersüchtig gehüteten Geheimnisse der Kerweborsch mitteilen können. 


Beim Zusammensitzen wird und wurde natürlich auch so manchen Streich ausgeheckt. 


In dieser Vorkerbezeit ist es 1934 beim "Reinheimer" zu einer spektakulärenWette gekommen. Um ein Fäßchen Bier ging es. Gefordert war, daß ein lebendiger Ochse die wenigen Stufen hoch in die Wirtschaft hineingeführt werden sollte. 
Man kann sich denken, daß der Wirt mit allerlei Einwänden versuchte, dieübermütige Jugend von ihrem Vorhaben abzubringen. Der Ochs könnte wild werden, oder mindestens etwas "fallen lassen" stellte man sich vor. Doch der Ochs wurde herangeführt. Gegen Verunreinigungen hielten ihm die Burschen an der bewußten Stelle einen Teller unter. Aber der Ochse benahm sich ausnehmend gut und ertrug den Unfug mit aller Ruhe. Weil alles so gut gelaufen war, setzte Ludwig Hill noch eins drauf und machte auf den Hörnern des Ochsen einen vielbestaunten Handstand. 


Beim Einsiedels Schorsch im "Kuhstallstübbche" -Eingeweihte wissen, das ist der Raum im Nebengebäude rechts neben der Hofeinfahrt- hat sich um 1960 herum folgendes zugetragen: Die Kerweborsch waren nach einer anstrengenden Sitzung groß in Form und wollten noch etwas besonderes vollbringen. Beim Schorsch bestellten sie darum noch zu später Stunde einen Korb voller roher Eier. Der Wirt, nichts böses ahnend, brachte diese auch, was ihm später sehr leid tat. Die Kerweborsch hatten sich nämlich vorgenommen, wieder einmal zu überprüfen, ob es nicht doch möglich ist, rohe Eier durch ein offenes Fenster zu werfen. Wie zu erwarten, gelang es auch diesesmal nicht und die vergeblichen Versuche liefen klebrig von der frisch gestrichenen Wand des Kuhstallstübbches. 


Rückt die Kerb näher heran, gibt es jede Woche am Samstag ein Treffen und im Monat vor der Kerb treffen sie sich schließlich sogar zweimal wöchentlich. Neben den umfangreichen organisatorischen Aufgaben für den Umzug und die Tanzveranstaltungen gehen einige nun an das Dichten des Kerwespruches. Der Kerwespruch wird in der Regel vom Kerwevadder gemeinsam mit einem Ausschuß der Kerweborsch geschrieben, jedoch kam es auch vor, daß Kerwesprüche aus der Feder eines einzelnen stammten. 
Bei dieser schwierigen Arbeit leisten oft die Kerwevädder der vergangenen Jahre tätige Hilfe, dennoch kostet es viele Abende, bis dieses Werk seine endgültige Form gefunden hat. 


In dieser Vorbereitungszeit werden die wichtigen Weihen an den "Füchsen", wie heute die Neuen bei den Kerweborsch in Anlehnung an die studentischen Burschenschaften genannt werden, vollzogen.

Korken ersteigern 

 

Jeder Kerweborsch ist verpflichtet, immer einen Sektkorken mit sich herumzutragen, ja es gibt sogar manche, die behaupten (natürlich augenzwinkernd), der Sektkorken sei die Seele eines Kerweborsch. Und so kommt ein Kerweborsch zu seinem Sektkorken: Stößt ein junger Mann neu zu den Kerweborsch, muß er sich in seinem ersten Jahr einen Korken ersteigern. Dies geschieht auf einer der Kerweborschsitzungen. Die Füchse steigern dabei gegeneinander. Wie man hört, wurden in jüngster Zeit Preise nahe 100.- DM für den so unentbehrlichen Korken bezahlt. Dieses Geld kommt in die Kerwekasse. 


Hat der Fuchs seinen Korken glücklich in Besitz genommen, muß er immer damit rechnen, daß er von den anderen Kerweborsch kontrolliert wird, ob er ihn auch dabei hat. Das geschieht einfach dadurch, daß einer der Kerweborsch seinen Sektkorken aus der Tasche zieht und damit auf den Tisch klopft. Jetzt müssen alle Kerweborsch beweisen, daß sie ihren Korken dabeihaben, indem sie ebenfalls mit ihren Korken auf den Tisch klopfen. Wer seinen Korken nicht vorweisen kann, muß eine Runde bezahlen und sich am besten umgehend seinen Korken besorgen, denn die Kerweborsch schrecken auch nicht davor zurück, den Test am gleichen Abend zu wiederholen.

Die Kappentaufe

 

Wenige Wochen vor der Kerb müssen die neuen Kerweborsch die Kappentaufe, die so etwas wie die endgültige Aufnahme bei den Kerweborsch bedeutet, über sich ergehen lassen. 


Durch die Kappe des Kandidaten wird Bier gegossen, das in einem großen Eimer aufgefangen wird. Die durchnäßte Kappe wird dem Kandidaten auf den Kopf gedrückt und sorgsam nach hinten gestrichen, wodurch die typische Form der Kappen der Kerweborsch vom Kaisersaal entsteht; mit ein paar feierlichen Worten wird dieses Zeremoniell beendet. Sitzt die Kappe ordentlich, muß der frischgebackene Kerweborsch im Verein mit seinen ebenfalls neu aufgenommenen Kameraden das im Eimer aufgefangene Bier austrinken.

 

Die Ehrenkerweborsch

 

Die Kerweborsch haben in den letzten Jahren zwei Leute zu Ehrenkerweborsch ernannt, was wohl in der Kerwegeschichte Königstädtens einmalig ist. Es sind auch nicht etwa altgediente Kinsteerer, die viel für die Kerb getan haben, denn das sollte für einen "guten Kinsteerer" selbstverständlich sein. 


Der erste Ehrenkerweborsch ist der ehemalige Königstädter Pfarrer Kai Hentonnen, der als erster finnischer Pfarrer nach Königstädten kam. Er unterstützte die Kerweborsch nach Kräften und zeigte sich immer interessiert. Einige der ausgelassensten Sitzungen wurden bei ihm abgehalten, wobei sich immer wieder zeigte, daß auch ein Pfarrer ein sehr guter Kerweborsch sein kann. 


Einige Kerweborsch wunderten sich nicht schlecht, als sie ihn, nachdem er schon fünf Jahre Königstädten verlassen hatte, auf dem Frankfurter Kirchentag trafen und er sofort einen alten, ziemlich mitgenommenen Korken aus der Tasche zog und damit überprüfte, ob sie auch ihren Korken in der Tasche hatten. Auch hat er sich nicht gescheut, auf der Kanzel stehend und gerade in der Predigt am 
Kerwesonntag nach dem Korken zu fragen. 


Als zweiten Ehrenkerweborsch benannte man 1984 Thorben Geyer, den Sohn des ehemaligen Kerwevadders Holger Geyer. Er kam zu dieser Ehre in seinem ersten Lebensjahr, da er am Kerwesonntag '84 in der Königstädter Kirche getauft wurde. Thorben Geyer ist damit der wohl mit Abstand jüngste Kinsteerer Kerweborsch aller Zeiten. Auch er besitzt, wie auch Kai Hentonnen sowohl Korken, als auch eine Kapp. 

 

(Inzwischen kamen als Ehrenkerweborsch hinzu der legendäre Kerwevadder und zeitweilige Wirt der Krone Georg Press (verstorben) und Walter Giesecke (verstorben), dessen lustige Bärenzeichnungen seit nunmehr 15 Jahren den Kerwespruch schmücken, dessen Bären sich aber auch auf allen Plakaten, T-Shirts und Gläsern der Kerweborsch wiederfinden.)


Antrinken der Kerb 

 

In den letzten Jahren hat sich das Antrinken der Kerb am Freitagabend eingebürgert. Abends um 19.00 Uhr treffen sich die Kerweborsch zum Bieranstich in der "Krone". Die Zeit bis 24.00, dem offiziellen Beginn der Kerb, vertreiben sie sich mit Spielen und Singen. Zu den immer wieder geübten Späßen gehören das "Törmsche" (Türmchen) und die "Saufmaschine". 


Das "Törmsche" besteht aus einem Aufbau folgender Gegenstände, die am Tisch herausgewürfelt werden: unten ein Glas Bier, dann jeweils darüber ein Schnaps, eine Mark (für die Musikbox), eine Zigarette, eine Schachtel Streichhölzer und eine Zigarre. Wer zuerst eine Eins würfelt, erhält die Zigarre, für die Zwei gibt es die Streichhölzer, für die Drei die Zigarette usw. Wer das Bierglas dann mit einer Sechs erwürfelt hat, muß dieses austrinken, bevor der vorletzte Würfler eine Eins würfelt, gelingt ihm das nicht, muß er das nächste Törmsche zahlen, schafft er es, ist der unglückliche Würfler mit Bezahlen an der Reihe. 


Die "Saufmaschine" ist ein Zweiliterhumpen mit 6 Saugschläuchen. Sechs Kerweborsch versuchen dieses Gefäß mit Bier gegen die Stopuhr möglichst schnell auszutrinken. Der Rekord soll um die 6 Sekunden liegen. 


Um 24.00 schließlich wird die neue Kerb mit großem Hallo, mit Gesang und mit Tanz auf Tischen und Bänken begrüßt. 

 

Kerwesamstag 

 

Der Kerwebaum

 

Seit 1877 soll es, laut Winter, in Königstädten einen Kerwebaum gegeben haben. Vorher wurde an den Wirtschaften, in denen Kerb gefeiert wurde, lediglich eine Fahne aufgesteckt, die an ihrer Stangenspitze einen Kerwestrauß aus Blumen und Bändern trug. Die Kerweborsch "beim Reinheimer" stellten vor dem zweiten Weltkrieg statt eines Baumes eine lange geschälte Stange, an deren Spitze ein Fichtenwipfel befestigt wurde. Diese Stange wurde über Jahre aufbewahrt und wiederverwendet. Sie verbrannte in der Bombennacht 1944. Nach dem Kriege wurde dann auch beim Reinheimer ein ganzer Baum gestellt. 


In früheren Jahren, als samstags noch überall gearbeitet wurde, geschah das Schlagen des Kerwebaumes erst am Nachmittag. Heutzutage treffen sich die Kerweborsch bereits samstags morgens um 6.00 Uhr, um hinaus in den Wald zu fahren, den großen und acht kleinere Kerwebäume ins Dorf zu holen. Die Abfahrt verzögert sich in der Regel etwas, da immer einige Kerweborsch nach dem Antrinken der Kerb am Vorabend Schwierigkeiten mit dem Aufstehen haben. Doch gar nicht zu kommen ist für den Kerweborsch mit einer kostspieligen Strafe belegt. So soll es schon vorgekommen sein, daß Langschläfer ihren Kameraden zu Fuß in den Wald nachfolgten, um ihr Geld zu sparen. 


Dann geht die Fahrt hinaus mit Traktor und Einachser. Der Baum ist einige Tage vorher von einigen Kerweborsch mit dem Förster ausgesucht worden. Vor Ort gibt es aber trotzdem immer wieder Diskussionen, ob nicht ein anderer Baum noch schöner oder noch höher ist. Die Höhe des Baumes spielte in den Zeiten, als es in Königstädten noch Kerweborsch in mehreren Wirtschaften gab, eine ganz wichtige Rolle. Damals standen große Bäume vor der "Krone", vorm "Reinheimer" und vor der "Kinolore". 


Man kann in der handgeschriebenen Kerwechronik der Kerweborsch der "Krone" fast für jedes Jahr die genaue Höhe des Baumes und den Hinweis nachlesen, daß er natürlich wieder der höchste im ganzen Dorf war. Bei diesem Bemühen, nicht nur die Kerweborsch der anderen Wirtschaften, sondern möglichst auch noch das eigene Ergebnis des Vorjahres zu übertreffen, kam es auch einmal dazu, daß der Baum so lang und schwer gewählt war, daß man ihn zum Aufstellen um einige Meter kürzen mußte. 


Trotz fehlender Konkurrenz am Ort sind aber auch heute die Kerweborsch noch bemüht, einen möglichst schönen Baum vor die "Krone" zu stellen. Jetzt vergleicht man eben die Höhe des Baumes mit denen in den Nachbargemeinden, und  es soll der Kerwebaum in den letzten Jahren sogar der höchste im Kreis gewesen sein. 

Nun bringt jeder der anwesenden Kerweborsch einen mehr symbolischen Axtschlag am ausgewählten Baum an. Das Umlegen wird heutzutage einem Fachmann überlassen. Ist der Baum dann schließlich gut auf dem Einachser befestigt, folgt ein Frühstück im Wald mit Fleischwurst, Brötchen und Bier. Außer dem großen Baum werden noch einige kleinere Bäume geschlagen, die ihren Platz an verschiedenen Stellen in Königstädten finden werden. 

 

Die Fahrt zurück nach Kinsteere zum Bismarckplatz mit dem oft 25 m langen Baum verlangt dem Fahrer des Traktors schon einiges an Geschick ab. Die Kerweborsch sitzen dabei auf  dem Baumstamm und singen ihre Lieder. Am Bismarckplatz angekommen wird der Baum auf Böcke abgeladen, geschmückt und ausgebessert. Meist leidet der Wipfel beim Fallen und Herausschleifen aus dem Wald. Es müssen neue Äste eingesetzt werden oder gar der ganze Wipfel durch Aufsetzen eines der mitgebrachten kleinen Bäume ersetzt werden. Der Baumschmuck besteht aus einem Fichtenkranz mit angehängten sägemehlgefüllten Würsten und rot-weißen Bändern. Der ganze untere Teil des Stammes ist von den Ästen befreit, der Kranz schwebt in luftiger Höhe unter dem Wipfel. 


Bis 1982 stand der Kerwebaum direkt an der Hauswand des Nebengebäudes rechts neben der "Krone". Das etwas betagte Gemäuer und Gebälk wollte irgendwann die Belastungen beim Hochziehen des Baumes nicht mehr aushalten; es zeigten sich deutliche Risse. Man entschloß sich darum, den Baum frei in einem gegrabenen Loch aufzustellen. 1986 schließlich wurde im Bismarckplatz ein betonierter Schacht zur Aufstellung des Baumes eingelassen. 


Während sich eine Gruppe daranmacht, den großen Baum aufzustellen, sind andere Kerweborsch damit beschäftigt, die kleinen Bäume im Ort aufzustellen. Diese finden ihren Platz bei der Altentagesstätte im alten Rathaus, beim "Königstädter Hof", beim Sportlerheim der "Alemannia", vor der "Krone" und vorm "Kaisersaal". 

Sind alle Vorbereitungen zum Aufstellen des großen Baumes abgeschlossen, lädt der Kerwewirt die Kerweborsch neuerdings zu einem stärkenden Mittagessen ein. Gegen 14.00 Uhr wird, mit langen Leitern unterstützt und mit Seilen gesichert, der Baum nach oben gebracht. Hier nehmen die Kerweborsch auch gerne die Hilfe erfahrener Exkerweborsch in Anspruch, denn das Hochziehen des Baumes ist nicht ganz ungefährlich. Verschiedentlich kam es dabei schon zu Beinaheunfällen, die aber zum Glück außer Sachschäden keine Folgen hatten. 


Der Kerwebaum würde früher von privaten Waldbesitzern zur Verfügung gestellt, die nach der Kerb den Stamm zurückerhielten. Später wurde der Baum beim Förster geholt und bezahlt. Seit 1962 wird der Baum nach der Kerb verlost, in den letzten Jahren geschieht das im Rahmen der Tombola der Kerweborsch am Nachkerwesamstag. 

 

Der Kerwebibbes

 

Am Kerwesamstag muß mit dem Abholen des Kerwebibbes noch eine weitere wichtige Aufgabe erfüllt werden. Ein unerfahrener Kerweborsch wird mit einem Fahrrad zum Nauheimer Bahnhof geschickt, den Kerwebibbes zu holen. In den letzten Jahren wurde dazu das Fahrad mit bunten Bändern geschmückt. Er bekommt dort ein schweres Paket ausgehändigt, das in früheren Jahren einfach ein paar schwere Steine, heute ein Sammelsurium von zusammengekauften Gegenständen, dazu meist eine Flasche Schnaps und ein Playboy-Magazin enthält. In jedem Fall wird dieses Paket in der "Krone" 


unter großem Gelächter ausgepackt. Zum Trost, daß er den Kerwebibbes im Paket nicht auffinden kann, erhält der genasführte Kerweborsch den Inhalt als Geschenk, wobei die Flasche Schnaps in der Regel als Spende an die Gemeinschaft erwartet wird. 

 

Die Kerb holen 

 

Gegen 19.00 Uhr machen sich die Kerweborsch auf den Weg, die Kerb zu holen. Die vorjährige Kerb liegt in der "Naumer Dann", d.h. im Wald zwischen Nauheim und Königstädten in Form einer Weinflasche begraben, die eine Botschaft des vorjährigen Kerwevadders an die Kerweborsch enthält. Zu dieser Arbeit tragen die Kerweborsch zum erstenmal ihre Kappen und ihre bedruckten T-Shirts. Vor dem Abmarsch schießen sich die Füchse schnell noch den Blumenschmuck zu ihren neuen Kappen, und der Fahnenträger schießt sich den Kerwestrauß zur Fahne zusammen. 


Heute machen die Kerwborsch sich ohne viele Umstände zu Fuß und ohne Musik oder viel Gesang auf den Weg, während in den 50er Jahren die Kerb gelegentlich mit einem eisenbereiften Schubkarren geholt wurde. In den 60er Jahren begleitete die Kapelle, die abends auch im Kaisersaal zum Tanz aufspielte, die Kerweborsch auf dem Weg in die Naumer Dann. 


Die Kerweborsch beim Reinheimer begruben und holten ihre Kerb in der "Kloane Dann" (Kleine Tanne, links vom heutigen katholischen Gemeindezentrum). 


Sie bestand dort vor dem Krieg zunächst aus einer richtigen Flasche Wein, die wurde aber, da einige Schlaumeier die Flasche kurzerhand ein paar Tage später wieder ausgruben und sich den Wein schmecken ließen, schließlich durch eine mit Wasser gefüllte Weinflasche ersetzt. 

Für den Fall, daß die Erinnerung daran, wo im letzten Jahr die Kerb begraben wurde, sich etwas eingetrübt hat, führen die Kerweborsch heimlich eine "Ersatzkerb" mit sich, denn es wäre nicht auszudenken, wenn sie mit leeren Händen zurückkämen. 

 

Die Übergabe der Kerb 

 

Nun geht es zurück in Richtung Kaisersaal, wo die Kerweborsch gegen 20.00 Uhr zu den Klängen des Kerwemarsches erstmals in den Saal einziehen. In den 70er Jahren hat sich dieses neue Zeremoniell eingbürgert: Der letztjährige Kerwevadder wird auf einem Leiterwagen in den Saal gezogen. Noch trägt er als Kennzeichen des Kerwevadders die weiße Kappe. 


Nach einer Ehrenrunde durch den Saal verliest er die ausgegrabene Botschaft. Diese enthält neben kurzen Bemerkungen zum meist guten Verlauf der letzten viele gute Wünsche zur neuen Kerb. Seit 1972 verkündet er dann den bis zu diesem Zeitpunkt streng geheim gehaltenen Namen des neuen Kerwevadders  und übergibt diesem die Kerb. 

 

Der Kerwetanz

 

Der gerade verkündete Kerwevadder eröffnet mit der Kerwemodder den Tanz in einer Solotour. Nach dem Eröffnungstanz winkt er seinen Kerweborsch mit der Kappe, die auf dieses Zeichen hin mit ihren Kerwemädchen die nächsten drei Tänze alleine bestreiten. Die Kerweborsch, die bis dahin noch kein Kerwemädchen gefunden haben, verschwinden für diese Zeit in der Sektbar, um sich schon einmal einen kleinen Vorsprung anzutrinken. Nach dem dritten Tanz singen die Kerweborsch für die Gäste im Saal ein Schunkellied und geben danach die Tanzfläche für alle frei. 


Im Laufe des Abends wird die Tanzfläche aber noch verschiedentlich zu Extratouren gesperrt. Heute ist vor allem der Tanz der ehemaligen Kerwevädder gebräuchlich. In den 20er und 30er Jahren gab es den "Tanz der Schorsche". Wie es dazu kam, wird deutlich, wenn man sich einmal ein Gruppenbild der Kerweborsch vom Einsiedel von 1925 betrachtet, auf dem alleine acht "Schorsche" (Mehrzahl von Georg) zu finden sind. Wenn dazu noch alle Gäste, die diesen Vornamen trugen, auf die Tanzfläche gingen, soll, so berichten es Augenzeugen, kaum noch einer auf seinem Platz gesessen haben. 


Die Kerweborsch versuchen ihre Gäste mit kleinen Einlagen bei Stimmung zu halten. Dazu gehören heute öffentliche Rekordversuche an der schon beschriebenen Saufmaschine und kleine Sketche. Die handgeschriebene Chronik der Kerweborsch berichtet aus dem Jahr 1956 von einer originellen Idee. Zu den Klängen des Sportpalastwalzers fuhren die Kerweborsch auf Fahräden in den Saal ein, dort wurden "Reigen nach eigener Phantasie gefahren, wobei es manchmal zu schweren Stürzen kam." 


Bis in die 50er Jahre war der Rasierwalzer ein beliebter Bestandteil der Tanzveranstaltungen. Rasiert wurde dabei mit einer Sense, eingeseift mit einer Weißbinderbürste aus einem Nachttopf. 

Bekannt war in der gleichen Zeit der Kissenwalzer, bei dem alle auf der Tanzfläche im Kreis standen, während ein Mann oder eine Frau alleine mit einem Kissen in der Mitte tanzte. Irgendwann wurde dann das Kissen vor einer im Kreis stehenden Person ausgebreitet, die auf dem Kissen niederknien mußte. Der Tänzer konnte aber das Kissen im letzten Moment vor den Niederknieenden wegziehen und zu jemand anderem weitertanzen. Wenn endlich nach einigen Täuschungsmanövern die Dame oder der Mann des Herzens auf dem Kissen kniete, wurde das Kissen mit einem Kuß übergeben und der oder die andere setzte den Kissenwalzer als Tänzer fort. 

Im Saalbau Reinheimer gab es bis in die 50er Jahre hinein "den Strimbische", eine auf Strümpfen getanzte Extratour. Die Herren zogen die Schuhe aus und krempelten die Hosenbeine etwas auf, wobei so manche lange Unterhose zum Vorschein kam. Die Damen tanzten in Schuhen. 


Um die brave Gattin zu schockieren, besorgten sie sich für diesen Tanz Socken mit großen Löchern. Auch der Kerwewirt soll für diese Einlage gelegentlich mit ein paar Socken ausgeholfen haben. Ein bekannter Königstädter Schuhfachmann, hat einmal während dieser Etratour die abgestellten Schuhe kreuz und quer miteinander verknotet haben und damit für gewaltige Aufregung im Saal gesorgt haben. 


Als letzte Einlage des Abends war vor dem Kriege, wie Winter berichtet, der Besentanz üblich, bei dem ein Kerweborsch mit dem Besen die letzten Gäste aus dem Saal herauskehrte. 
Heute endet diese erste Tanzveranstaltung der Kerb in der Regel um 2.00 Uhr in der Nacht mit dem Auszug der Kerweborsch, bei dem der Kerwewatz als letzter den Saal verläßt. 

 

Den Tanz am Samstagabend gab es in früheren Jahren nicht. Damals arbeitete man noch zumindest am Vormittag, wodurch der Kerwesamstag mit Baumholen, Aufstellen und Kerbholen ausgefüllt war. Man traf sich damals aber abends in der Wirtschaft, um zum ersten Mal den Kerwespruch zu hören (bis 1970). Der eigentliche Kerwetanz aber fand am Sonntag ab 16.00 statt. Vieles, was im Vorstehenden zum Kerwetanz berichtet wird, gehört darum eigentlich zum Brauchtum des Kerwesonntags. 

 

Der Kerwewatz

 

Gegen Ende der 70 Jahre kam die Kinsteerer Kerb zu einer neuen Symbolfigur.Es ist nicht zu rekonstruieren, wer ihn erfunden hat, den "Kerwewatz". Wer von den Kerweborsch an den Kerwetagen besonders negativ auffällt, sei es, daß er in besonderm Maß dem Alkohol zugesprochen hat, oder daß er eine Aktion der Kerweborsch "versaut", muß damit rechnen, daß er mit der schwarzen Kappe zum Kerwewatz ernannt wird. Diese schwarze Kappe trägt er, bis ein anderer ihn mit seinem schlechten Verhalten noch übertrifft. Der letzte Träger jeder Kerb behält die Kappe bis zum nächsten Jahr. Seit einigen Jahren hat es sich eingebürgert, daß der Kerwewatz bei der Tombola am Nachkerwesamstag als Preis für einen Tag mit seiner vollen Arbeitskraft an den "glücklichen" Gewinner geht. Wie man hört, sollen Gewinner schon dankend auf diese Arbeitskraft verzichtet haben. Warum, ist allerdings nicht bekannt. 

 

Der Kerwesonntag

 

Der gemeinsame Kirchgang 

 

Der Kerwesonntag beginnt für die Kerweborsch mit dem gemeinsamen Kirchgang. Auch heute noch ist er unumstrittener Bestandteil der Kerb.Geputzt mit Kappe, Schärpe und im Anzug treffen sich die Kerweborsch vor der Kirche. Die Strapazen der Vorabends haben in den Gesichtern und in der Haltung ihre deutlichen Spuren hinterlassen. Der Kerwevadder und gelegentlich weitere Kerweborsch beteiligen sich neuerdings an den Lesungen im Gottesdienst. Die anderen haben meist genug damit zu tun, sich wach zu halten. Eine besondere Begebenheit aus den Nachkriegsjahren berichtet Georg Preß: 

 

Ziehet eure Schuhe aus

Es war 1949 noch in der Notkirche im Schulsaal in der Rathausstraße. Die vereinten Kinsteerer Kerweborsch hockten leicht dösend ihren Pflichtbesuch des Gottesdienstes ab. Plötzlich, mitten in der Predigt unseres wortgewaltigen Pfarrers Ludwig Ramge, kam die Stelle: 
"... ziehet eure Schuhe aus, denn ihr steht auf heiligem Boden." 
Wie an der Schnur gezogen ruckten die Beine der Kerweborsch hoch, alle sahen sich an und es dauerte einen Moment, bis sie merkten, daß sie nicht gemeint waren. 


Nach der Kirche geht es zum Platzkonzert auf den Bismarckplatz. Während die Kerweborsch früher auch am Sonntagmorgen ihren Frühschoppen einlegten, ziehen sie es heute vor, über Mittag noch ein wenig Kraft für den um 14.00 Uhr beginnenden Umzug zu tanken. 

 

Der Kerweumzug

 

Die Aufstellung des Zuges erfolgt heute, nachdem er zwischenzeitlich einige Modernisierungsversuche erfahren hatte, fast wieder in einer Ordnung, wie sie seit Ende des 1. Weltkrieges bis in die sechziger Jahre hinein üblich war mit Pferden und Rolle. 1967 hatte Hans Debus als Kervevadder dem Zug der Zeit folgend, erstmals einen Kerwespruch vom Frontlader eines Traktors aus gehalten. So hielt man es mit kurzen Unterbrechungen bis Anfang der 80er Jahre, als man sich wieder auf den Wert der alten Kerwetraditionen besann und Kerb in althergebrachter Weise feiern wollte. 


Vor dem Zug her geht der Fahnenträger mit der rot-weißen Kinsteerer Fahne mit dem Kerwestrauß an der Spitze der Stange. Die Farben der Fahne hatten aus politischen Gründen in unserem Jahrhundert auch schon einmal zu schwarz-weiß-rot gewechselt, um nach den Kriegen doch wieder zum traditionellen rot-weiß zurückzukehren. 

 

An Anfang des Zuges reitet der Kerwevadder in Frack und Zylinder mit weißer Hose, links und rechts neben ihm die beiden Beireiter ganz in weiß gekleidet. Sie tragen wie alle Kerweborsch eine rot-weiße Schärpe mit einer Aufschrift, die seit 1979 lautet "Kerweborsch im Kaisersaal." Solange die Kerwewirte echte Kinsteerer waren, bezogen sich die Aufschriften direkt auf den Wirt: "Kerweborsch beim Reinheimer", "Kerweborsch beim Einsiedels Schorsch" (bis 1967), "Kerweborsch beim Presse Schorsch" (ab 1969). In früheren Jahren waren, wie man auf dem nebenstehenden Bild gut erkennen kann, die Pferde mit mächtigen Fichtenkränzen festlich geschmückt. 

Alle Kerweborsch außer dem Kerwevadder tragen beim Umzug ihre Kappen, an deren Farben man, als es noch verschiedene Gruppen gab, die Zugehörigkeit erkennen konnte. Die Kerweborsch der "Krone" tragen heute rote Kappen. Beim "Reinheimer" waren es die grünen, bei der "Kinolore" die blauen und in er kurzen Zeit, als es im "Cafe Müller" Kerweborsch gab, die gelben Kappen. 


Der Kerwevadder trägt, das ist seit Jahrzehnten neben dem Zylinder sein Erkennungszeichen, zwei Schärpen. Einer der Beireiter fungiert als Soufleur beim Kerwespruch. In den Jahren nach dem Krieg waren die Beireiter jeweils der Kerwevadder des vorigen und des nächsten Jahres. Da heute die Identität des Kerwevadders lange geheimgehalten wird, ist man von dieser Regelung ganz abgekommen. 


Diesen drei Reitern folgen in weißen Schürzen zu Fuß die Mundschenke, die Weinflaschen und Gläser tragen, aus denen sie dem Kerwevadder, den Musikern und natürlich sich selbst ausschenken. 


Dahinter marschierte früher die Musikkapelle und dann eine geschmückte Rolle mit den übrigen Kerweborsch. Heute fährt die Kapelle meist ebenfalls auf einer Rolle und die Kerweborsch gingen zwischenzeitlich auch einmal zu Fuß im Zug mit. Seitlich neben dem Zug sind einige Kerweborsch ständig bemüht, den Zuschauern und Gästen den Kerwespruch in gedruckter Form zu verkaufen. Dies wird  erstmals 1951 berichtet. Damals kostete der Kerwespruch -.30 DM, im vergangenen Jahr war er für 1.50 DM zu haben. Diesen Verkauf betreiben die Kerweborsch mit großem Sportsgeist. Es gilt, das Ergebnis des Vorjahres zu übertreffen, denn der Erlös dieses Verkaufes fließt in die Kerwekasse. 


Am Ausgang des Bismarckplatzes zur Rathausstraße hin sagt der Kerwevadder zum ersten Mal den Kerwespruch auf. 

Die Art, wie der Kerwespruch vorgetragen wird, ist schwer zu beschreiben. Sie erinnert manches Mal an die Vortragsweise bestimmter Fastnachtsredner, so wie der Kerwespruch auch inhaltlich eine gewisse Verwandtschaft zu den Büttenreden der Mainzer Fassenacht nicht verleugnen kann. In jedem Fall strapaziert der Kerwevadder seine Stimme mit der Vortragsart gewaltig; zwar liest man meist vom Aufsagen des Kerwespruches, "Auskreische", wie die Kinsteerer sagen, wäre aber vielleicht treffender. 

Kellner, du mer emoal e Gläsche reiche, mei Kehl is drocke vum viele Kreische. 


(Kerwespruch 1950)

 

Zur Verstärkung der Stimme benutzte der Kerwevadder früher ein Blechmegaphon, heute leistete die Elektronik Ünterstützung. Das alte Blechmegaphon, "die Kerb" genannt, begleitet aber noch heute die Kerwebosch als Symbol. Früher wie heute  mußte der Kerwevadder hin und wieder seine Stimme ölen. Dafür gab es im Kerwespruch immer wieder gebrauchte Formeln wie: 


Drum Kellner schenk die Gläser voll Weu. 
Kinsteerer Kerb soll - 


die Kerweborsch antworten im Chor: UNSER SEU ! 


Zur nächsten Station leitete der Kerwevadder über mit der Wendung: 


Drum August haach emol uff die Trummel un weiter gehts im Kerwerummel! 


Der Zug bewegt sich danach, mit kleinen Abweichungen über die folgenden Stationen durch Königstädten, und überall dort muß der Kerwevadder erneut seinen Spruch aufsagen: Käserei Einsiedel, altes Rathaus, Metzgerei Stoffel, Metzgerei Berenz. Schließlich kehrt er zurück zur Krone, wo der Kerwewirt gegen 16.00 Uhr die Kerweborsch zu Kaffe und Kuchen einlädt. Früher begann um diese Zeit der Kerwetanz. Nachdem einige Jahre der Saal um diese frühe Nachmittagszeit keine Gäste mehr anzog, hat man den Kerwetanz auf 20.00 Uhr verlegt. 

 

Der Kerwespruch 

 

"Und im Dorf hinauf, hinunter ..." 


Mit Spannung wird alljährlich von der Kinsteerer Bevölkerung der Kerwespruch erwartet. Er berichtete ursprünglich ausschließlich Geschehnisse aus der Gemeinde. Seit es Kerwesprüche gibt, sind die bevorzugten Themen die bekanntgewordenen Seitensprünge, spektakuläre Mißgeschicke und andere Dummheiten der Dorfbewohner gewesen. Diese Themen werden mit derbem Humor, mit teilweise unverholener Schadenfreude ausgebreitet und meist mit einem nicht immer ernst gemeinten Ratschlag an den Betroffenen versehen. 


"Haal deu Maul, un zieh deun Bierbauch eu, 
 liewer e Kapp uff em Kopp, wie oa seu!" 


(Kerwespruch 1979)

Manch einer stellt sich also die Frage, ob er mit seinem Mißgeschick des vergangenen Jahres vielleicht Eingang in den Kerwespruch gefunden hat und dort durch den Kakao gezogen wird. 

Als früher der Kerwespruch bereits Samstagsabends in der Wirtschaft zum ersten Mal in einer begrenzten Öffentlichkeit vorgestellt wurde, saßen immer einige dabei, die lieber hier schon erfahren wollten, ob sie im Spruch waren, damit sie nicht sonntags beim Zug standen und vor aller Ohren "ihre Schandtaten" anhören mußten. Dabei, und das war schon immer ungeschriebenes Gesetz, wurden nie Namen genannt. Doch als das Dorf noch klein war, wußten viele auch mit sehr vorsichtigen Andeutungen zur Identität des an den Pranger Gestellten etwas anzufangen. 


Nicht alle Kerweborschjahrgänge waren auch gleich taktvoll. 
Und wenn neben der Straße, in der der Betroffene wohnte, auch noch die Automarke, die er fuhr, und der Beruf, den er ausübte, genannt wurde, dann wußte auch der letzte, wer gemeint war. Dann gab es auch mal Ärger zwischen den Kerweborsch und den "Verunglimpften". Die Chronik berichtet aus den ganz, ganz frühen 50er Jahren von einer Frau, die aus Wut über ihre Erwähnung im Kerwespruch ersthaft versucht hatte, dem Kerwevadder in aller Öffentlichkeit "den Frack zu verändern". Dieser Fall ist nach geltendem Recht aber längst, längst verjährt. 


Es gab auch Versuche, im vorhinein zu erfahren, ob man im Spruch war. Aus den Schwarzmarktjahren nach dem Krieg wird erzählt, daß das einer Frau gar eine ganze Stange Zigaretten -zu damaliger Zeit ein kleines Vermögen- wert gewesen wäre. Sie bedrängte den Kerwevadder, es ihr doch zu sagen, wenn sie im Spruch sei, dann würde sie sich gar nicht erst ein Kerwekleid kaufen, denn so blamiert würde sie nicht zur Kerb gehen. Wenn man dem Bericht glauben darf, ließ sich der Kerwevadder jedoch nicht verlocken, auch nur ein Sterbenswort zu sagen, obwohl er wußte, daß die Frau gar nicht im Kerwespruch genannt war. Und selbstverständlich wird auch heute, nach vierzig Jahren, weder ein Name, noch die Tat, um die es ging, genannt. 


Als Beispiel wahrer Diskretion übermittelt uns Georg Press, Kerwevadder beim Einsiedel 1948, die folgende Geschichte: 

"Wir waren zu dritt am Spruchbauen: Erich Stephan, Ludwig Bärsch und ich. Georg Bärsch (der Bruder von Ludwig Bärsch) fragte, ob wir schon dies und jenes gehört hätten. Unter anderem erzählte er uns die folgende Geschichte, die wie geschaffen für unseren Kerwespruch war: 


Danach machte eine Kinsteerer Frau ihren Waldtag und hatte, was verboten war, eine Säge dabei. Als sie während des Holzsammelns merkte, daß der Förster kontrollieren wollte, warf sie kurz entschlossen ihre Säge auf den Boden, schürzte ihren Rock und tat so, als wollte sie ihre Notdurft verrichten. Der Förster als anständiger Mensch konnte in so einem Falle selbstverständlich nicht näher kommen und die Säge blieb unentdeckt. 


Nun wollten wir natürlich wissen, wer das gewesen sei, aber Georg sagte es uns nicht, versicherte nur, es sei wahr. Das Geschichtchen kam schließlich in den Kerwespruch. Während des Umzuges hielt ich (als Beireiter) Ausschau nach dem Förster und entdeckte ihn endlich auch. Als der bewußte Vers an der Reihe war, lachte er herzhaft. Nach dem Umzug fragte ich den Förster, wer denn die Frau gewesen sei. Als der merkte, daß wir gar keine Ahnung hatten, um wen es sich in unserem Spruch handelte, sagte er: "Dann bleibt das auch ein Geheimnis." Und so ist es bis heute geblieben." 


"Nach Neu-Graslitz 1 km"


Meist wurden im Kerwespruch auch die lieben Nachbarn südlich des Grenzweges bedacht. Von dort zu uns wurde auch so mancher Spott auf den Weg gebracht.Dabei waren die Kinsteerer immer etwas im Vorteil, denn, da sie mit der Kerb später lagen, konnten sie den "Naumern" oder den "Sandhase", wie unsere Nauheimer Nachbarn hier genannt werden, antworten. 


Aus dem Jahre 1949 wird folgende Begebenheit von allen, die es erlebt haben, gerne erzählt, und in drei Kerwesprüchen hat sich diese Geschichte niedergeschlagen: 


Die "Naumer" hatten es doch gewagt, in ihrem Kerwespruch mit dem Gedanken einer Eingemeindung Königstädtens zu spielen. Jeder, der weiß, was es mit der alten "Freundschaft" zwischen Naum und Kinsteere auf sich hat(te), kann sich vorstellen, wie dieses Ansinnen die Dorfbewohner in Rage versetzte. Es gab eine "Krisensitzung" mit Vertretern der damals drei Kerweborschgruppen (Krone, Reinheimer, Kinolore), in der beraten wurde, wie man auf diese Ungeheuerlichkeit antworten sollte. Natürlich kam nur eine friedliche Antwort in Frage, man wollte den Naumern mit gleicher Münze zurückzahlen. Der Kinsteerer Kerwespruch sollte die Antwort sein. So wurde in allen drei Gruppen fleißig gedichtet. 


Als man die Ergebnisse gesichtet hatte, war klar, der Kerwespruch der Kerweborsch der Kinolore war der treffendste. So schallte es am Sonntag durch die Kinsteerer Straßen: 


Jetzt wolle mer unns emol mit unserm Nachbarort messe, 
denn die Borsch hatte uns in ihrm Kerwespruch ach net vergesse. 
Ich glaab bei de Naumer do stimmt was net, 
seunn die Kerl noch kloor? 
Hert wie die Naumer die Trummele riehrn, 
unn die Wassermänner lalle im Chor: 
"Mehr Naumer seun gescheite Leid, 
mehr hon zwar koa Geld, awwer mehr nitze die Zeit. 
In e paar Johr honn mer de Bach anne e Siedlung steh, 
dann hon mer net meh so weit nooch Bärnshause zu geh. 
Un spererernaus gibts Kinsteere überhaupt net mer, 
des haaßt dann Groß-Nauheim - verstehste her!" 
Was klaabt ehr dann ehr Naumer Häs, 
wann mer die Miehlbach staue, 
dann es es aus mit eierm Gedeeds, 
vunn weje Großstadt Nauem. 

Eich Städter braucht mer nor oan Doag es Wasser zu sperrn, 
dann det eich die ganz Gemoa vunn der Wüstewies bis zum Schlaafweg verderrn. 
Wie kann mer nor so vunn sich eugenumme seu, 
vun de Musikindustrie, die neie Siedler, die fiehrn doch die Leu. 
Ehr alte Naumer kennt niemols Kinsteere kaafe, 
drum wolle mer eich net Groß-Naum, - sondern NEU-GRASSLITZ daafe. 


(Verfasser: Karl Walther)


Eine Kopie des Kerwespruches der Kerweborsch vom Einsiedels Schorsch zeigt heute noch deutlich, wie der Kerwevadder Erich Stephan 1949 dem schon fertigen Spruch handschriftlich die folgenden Zeilen hinzufügte: 


Ja ehr Leit, jetzt weern ich eigentlich an de Schluß gekumme, 
Hette sich unser Nochbern, die Naumer Kerweborsch net vorbeibenumme. 


Wie die neemlich in ehrm Kerwespruch ehr Meiler honn uffgerisse, 
do honn ich meer gesoat, du werst deun Kerwspruch noch vergreeßern misse. 


Die Kerl, die hatte sich jo net gescheemt 
unn honn vunn ehrm Vorort Kinsteere geschwätzt, 
fehlt groad noch, daß se gesoat honn, 
so e Sandhäsje het schunn emol en Bär do erum gehetzt. 
Awwer oans will ich eich noch soue, ehr liewe Naumer, 
oans hett ehr vergesse:

 
Hett ehr neemlich in de letzte Johrn 
unser Sauerkraut unn unsern Handkees net kenne esse, 
ei ehr wered joh schun all verhungert, 
koa Mensch deht joh ach on eich denke, 
ehr wered joh schun längst vergesse. 

Am Kerwemontag zogen um die Mittagszeit Kerweborsch aus allen drei Wirtschaften gemeinsam nach Naum. 

Augenzeugenbericht: 


"Domols in dem Johr hatt ich hinne die Geil eugespannt vunn de Gorßmodder und vum Unkel, do hatt ich uff der Roll ferzisch odder fuffzisch Mann, wo mer noch Naum gefahrn warn. Die honn gestanne - konnt koaner mehr druff. De Riedels Walter der hot do vorne am Lochhaas gewohnt, unn wie mir vorbeiseun, segt er: "Was het ehrn vor?". - "Mer mache noch Naum, mer daafe se um." - Do segt er: "Wart, ich mach mit." Do isser e Stick mitgelaafe un do segt er: "Ei, ich honn jo noch die Schlabbe oh." - Es der zerickgerennt, hot seu Schuh ohgezoge unn hot uns bis am Grenzweg widder eugeholt." 

 

"Mer daafe se um"


Die Pointe des Kerwespruches "... wolle mer eich NEU-GRASSLITZ daafe" sollte in die Tat umgesetzt werden. Vor dem Zug her ritt Fritz Krummeck mit einem stattlichen Holzschild, das die Aufschrift "NACH NEU-GRASSLITZ 1 km" trug. 


Mitten in Nauheim, am Friedrich-Ebert-Denkmal, wurde den Naumern mit dem Kerwespruch mal ordentlich die Meinung gesagt. Offensichtlich hatten unsere südlichen Nachbarn auch die nötige Portion Humor, diese Retourkutsche zu ertragen. Ja, die Kerweborsch waren auf der Rückfahrt nach Königstädten sogar noch Gäste eines Nauheimer Musikindustriellen, der sich von der Anspielung auf seine ehemalige Heimat Grasslitz wirklich hätte getroffen fühlen können. 
Am Grenzweg wurde das besagte Schild schließlich in einiger Höhe an einer Eiche angenagelt. 


Im Nachkerwespruch der Kerweborsch vom Einsiedels Schorsch wird dieses Ereignis nochmals in ureigener Kinsteerer Art wiedergegeben: 

Als greestes Ereignis sei die Invasion in Naum zu nenne, 
ehr duht joh des Ding bestimmt schunn all minonner kenne. 
Die Kerweborsch blau, rot unn grii, 
zusamme zoge se nach Neu-Grasslitz hie. 
Unn vor de Umtaufexpedition, do es dahergeritte, 
unser liewer, guter Onkel Fritze. 
Die Naumer, die honn die Stern gerunnzelt, 
awwer unsern Fritz, der hot immer nor geschmunzelt. 
Nor ohmohl es em beinoh es Lache vergonge, 
es doch in de Donn de Gaul met em Reiter dorchgonge. 
Awwer rechtzeitig hot er des Viech zum Halte gebrocht, 
Unn mer honn dann unnser Schild ohgemacht. 
On rer Aasch honn mers ohgenouelt, gonz uwwe: 
"1 km nach Neu-Grasslitz", steht druwwe. 
Doch jetzt gehn mer emol vunn dem Naum eweg, 

die honn bestimmt eugeseje, mit Kinsteere ohzubinne hot koon Zweck. Lossts eich e Warnunng seu, ehr Naumer, fers nächst Johr unn fer speerer: 

 

ERST HONN DIE NAUMER KERB, DANN FEIERN DIE KINSTEERER! 


Die Kinsteerer hatten im Stillen mit einer Rückantwort der Naumer gerechnet: 


"Mer hadde dann befürchtet - unn des war gut, daß des net worn is - mer honn geglaubt, die Naumer käme mit Fuhrwerke un Geil eriwwer. Do wollte mer die Feuerwehrspritz uffstelle - vorne beim Jungmanns Heunz - un hedde se gedaaft, wann se kumme weern." 

Doch mit der Anbringung des Schildes war die Affäre NEU-GRASSLITZ zunächst zu den Akten gelegt. 

 

Kerwesprüche und Politik

 

In den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg bis in die 50er Jahre hinein mußte der Text des Kerwespruches dem Bürgermeister zur Genehmigung vorgelegt werden. Das bewirkte, daß die große Politik weitgehend ausgeschlossen war. 


Im übrigen schreckte der eine oder andere Kerwevadder aber nicht davor zurück, auch nachträglich in den schon genehmigten Kerwespruch noch etwas einzubauen. In der Regel wurden solche Verstöße, zumindest nach dem Krieg, aber nicht geahndet. Der letzte Kinsteerer Bürgermeister Schäfer ließ es bei einer solchen Gelegenheit einmal mit einem lauten "Des hab isch awwer net unnerschriwwe!" bewenden. 


Erst Mitte der 50er Jahre finden sich erste Bemerkungen in dieser Richtung und heute ist es selbstverständlich, daß der Kinsteerer Kerwespruch auch seine Beiträge zu aktuellen politischen Entwicklungen enthält. Noch etwas pauschal wird dabei die Weltpolitik abgehandelt: 


Chrustschow, Eisenhower, Mac Millan un de Gaulle 
hon sich getroffe wirer emol. 
Die Sitzung wurd beendet fix, 
un ausgericht wurd emol wirer nix. 
(Kerwespruch der "Kerweborsch vom Hannes" (Reinheimer) 1960)

1987 werden die "Kerweborsch im Kaisersaal" in der Beurteilung der Volkszählung schon etwas ausführlicher: 

Wie ihr grad geheert hobt, in Hesse wurd gewählt 
unn korz druff in de gonz Republik es Völksche gezählt. 
Die Regierung hot sich sicher gedacht, 
wos de Augustus konn, könne mer aach - des wär doch gelacht. 
Es dritte Mol werd des jetzt probiert 
un des denke sich Leit aus, die hawwe studiert. 
Doch, wie saacht mer so schee, wer zählt, der muß zahle, 
wos bei rauskimmt sehe mer bei de nächste Wahle. 
Millione hawwe se aus em Fenster geschmisse, 
um wos zu erfahrn, wos se längst schun dun wisse. 
... 


Schorsch Orwell hot's 48 schun gesagt, 
eines Tages wern mer all iwwerwacht. 
Volkszählung, Perso* für die Lesmaschin, 
so geht's Schlach uff Schlach, 
drum gebt acht, wos ich eich jetz sach. 
Es gibt schun e Moral aus unser Geschicht: 
Wer zuviel zählt, dem traue man nicht. 
(* Perso = Personalausweis)

Überhaupt fehlte es in so manchem Kerwspruch am nötigen Respekt vor der Administration. Das beweist auch der älteste uns in schriftlicher Form zur Verfügung stehende Kerwespruch von 1938, den der Kerwevadder dieses Jahres, Georg Schäfer, mit seinem damaligen Beireiter, Hans Pinkel, für dieses Buch rekonstruiert haben. Es findet sich darin eine respektlose Anspielung auf eine Amtsperson, an welcher Stelle, wird allerdings nicht verraten. 

 

Kerwespruch 1938

 

Wie die Wolken ziehn, so zieht die Zeit, 
schun wirrer es Kerb, er liewe Leit. 
Vor 14 Tage wollte mer all verzage, 
wegen der angespannten politischen Lage.* 
Aber jetzt ist überstanden die schwere Krise, 
drum wolle mer die Kinsteerer Kerb 
so richtig genieße. 

Die Gret, die hippt im Hemd erum ** 
un fängt sich noch en Floh, 
vergnügt ruft sie erm Hannes zu: 
"Die Kinsteerer Kerb es do!" 

Bei unserm Kerwewert, der Familie Reinheimer, 
es fer die Kerb bestens gesorgt, 
sie hon alles fer de Hunger, 
sowie aach fer de Dorscht. 

Meu Kehl es so trocken, 
drum Kellner schenk mol eu, 
hoch lewe die Kerb, 
die Kinsteerer Kerb soll - UNSER SEU !!! 

Unser Kinsteerer Kerwemädcher 
hon all neie Klader, 
un die Kerwelocke seun aach nooch de neiste Mode; 
gemoacht hon se de Schwarze, 
de Geele un de Rote. *** 

Mit dem Omnibus fahrn 
es aach so e Vergnüge, 
do koann mer debei ganz schee 
oa uff die Finger kriege. 
Des mußt erfahrn en Ehemann, 
der seu Finger net bei sich losse koann. 
Doch des Mädche segt: Mach mer koa Dinger, 
un schlegt em uff seu Fuschelfinger. 

In der Straße der SA **** 
steht oan eme Tor oft e Fraa, 
sie tut so gern lache un aach viel verzehle. 
Vor lauter Gebabbel tut se doann fast vergesse, 
daß er Familie kimmt um 12 Uhr zum Mittagesse. 

In de Naumer Gass geht fast jeden Owend oaner 
uff un ab un träumt so vor sich hie, 
an jedes Beemsche spuckt er mol, 
damit se bleiwe aach im Winter grie. 

In de Hinnergass, do wohnt so en Wetterprophet, 
der waas goanz genaa, wie es mit em Wetter steht. 
Woann der ofängt so singe un so peife, 
do waas die goanz Nochberschaft, 
entwerrer es gibt Reje oder es fängt o so schneie. 

E paar Heiser weirer leit en Mann krank im Bett, 
der hot Bauchweh, ach du lieber Schreck. 
Doch als die Fraa zum Eukaafe dut geh, 
muß es Dienstmädche als Pflegerin 
behandeln das Wehweh. 
E Wärmflsch muß se em uff de Bauch druff lege, 
das kam dem Manne sehr gelege. 
Er klagt dann weiter laut: "Oh weh, oh weh, 
e Stickche weirer unne tut's aach noch weh." 

Des wars, was me heit wolle berichte, 
vun de Kinsteerer Ortsgeschichte. 
Es es ja im Örtche noch viel mehr passiert, 
awwer mer hon fer dies Joar genug glossiert. 

Uff em Bismarckplatz es aach viel los, 
Zuckerständ, Schießbude, Schiffschaukel, 
Reitschul, für Klein un Groß. 

Unser Kapell, de Friese Karl vun Bischem, 
er es jo bekannt in Stadt un Land, 
der schlägt jetzt mol kräftig uff die Trummel, 
un los geht's zum Kerwerummel ! 

Erklärungen: 
* gemeint ist die Sudetenkrise - 
** Hier rätselten die Königstädter vergebens herum, wer die Gret war. Es handelte sich bei diesem Satz einfach um einen Scherz. - 
*** "De Schwarze. de Geele un de Rote", waren die drei Friseure im Ort. "De Geele" war ein Hausname,den sein Besitzer gar nicht gerne hörte. Die Kerweborsch ersetzten ihn darum an Halteplätzen in der Nähe seines Hauses kurzerhand durch "de Griene". - 
**** heute Astheimerstraße

In einem Dorf, wie es Königstädten war und vielleicht an manchen Ecken auch noch ist, verbreiten sich sensationelle Nachrichten natürlich auch ohne daß sie im Kerwespruch Erwähnung finden. Der öffentlichen Darstellung der einen oder anderen Intimität aber ist mit Sicherheit die Beliebtheit des Kerwespruches zu verdanken. 

 

Kerwetanz am Sonntag

 

Der Kerwetanz begann früher sonntags nach dem Umzug um 16.00. Da samstags kein Tanz stattfand, war er die zentrale Kerweveranstaltung. Aus den 50er Jahren wird berichtet, daß der Saal immer brechend voll war. Einmal fanden die Kerweborsch nach ihrem Umzug keinen Sitzplatz im "Kaisersaal". Die handgeschriebene Kerwechronik berichtet aus dem Jahre 1953: 

Der Besuch der Gäste von auswärts war enorm. Als wir in den Saal einmarschierten, mußten wir uns einen Weg durch die Menschenmasse bahnen,  die den Eingang versperrt hatte. Am Nachmittag kamen die Kerweburschen nicht zum Zug, einen großen Teil ihrer Plätze hatten die Gäste eingenommen. 

 

Bei solchem Andrang mußten die Kinsteerer ihre Vorkehrungen treffen, daß sie nicht vor der Tür stehen blieben. So wurden schon am frühen Nachmittag die kleinen Geschwister in die Säle geschickt, um Plätze freizuhalten. Für die fiel dabei eine extra Mark Kerwegeld ab und insbesondere die großen Schwestern waren sicher, daß sie ihr "Kerweklaad" nicht vergebens gekauft hatten. Denn so wie die jungen Männer sich mit der Gestaltung des Umzuges beschäftigten und den Kerwespruche dichteten, so kreisten die Gedanken der jungen Damen um das "Kerweklaad". Schick mußte es sein und neu mußte es sein, da gab es nix. 


Wenn es 'mal nicht für ein echtes Neues reichte, dann war es ein geschickt geändertes altes, aber niemals war es das vom vorigen Jahr. 


Der Kerwespruch vermerkt zur neuen Rocklänge von 1949: 

Wonn ich eich so betrochte, 
wos seid er heit all so feu, 
Besonders die Meedcher blinke 
in ehrm neie Staat, 
all fraan se sich iwwer 
ehr 3/4 long Kerweklaad. 
Doch ehr liewe Meedcher, 
uns duht des oane bedriewe, 
daß er eich all habt 
der neie Mode verschriewe, 
Wie es es doch so schad, so schade, 
mer sieht gar nix meh 
vun eierne scheene Waade. 


(Kerwespruch der "Kerweborsch beim  Einsiedels Schorsch" 1949)


Vor dem Kriege und bis in die sechziger Jahre hinein wurde beim Kerwetanz kein Eintritt erhoben, stattdessen wurde "gezoppt". In den Tanzpausen ging ein Musiker der Kapelle über die Tanzfläche und kassierte bei den einzelnen Tänzern kleine Beträge oder er sammelte Kärtchen ein, die die Tänzer auf Vorrat gekauft hatten. In diesen Zwangspausen versuchten die Kerweborsch die Gäste mit ihren Liedern oder Schlachtrufen bei Stimmung zu halten. Auch die Kerweborsch mußten ihre Musik bezahlen. Aus den 30er Jahren wird berichtet, daß die Kerweborsch 8.- DM für ihre Tänze während der Kerb von vornherein an die Kapelle zahlen mußten. Da dies nicht gerade ein kleiner Betrag war, achteten sie darauf, daß sie dieses Geld auch ausnützten und tanzten fleißig. Gratistänze gab es für die Kerweborsch nur beim Zug durch die Wirtschaften der Gemeinde in einer Extratour. 

 

Wem is die Kerb? 

 

So wie die Kinsteerer Kerweborsch selbst in der Vorkerwezeit die Kerwen der Umgebung heimsuchten, kamen auch die Auswärtigen zum Tanz in die Säle unseres Dorfes, um den Hiesigen die Kerb "abzukaafe". 


Bei allem Engagement war es unseren Burschen doch nicht möglich die ganze Kerb über pausenlos mit Liedern und Schlachtrufen für Stimmung zu sorgen. Irgendwann mußten sie einmal ausruhen, versagten die Stimmen, auch wenn sie noch so fleißig geölt wurden. Diesen Moment der "Schwäche" nutzten die auswärtigen Kerweborsch sofort und versuchten die Stimmung an sich zu reißen. 

Dann donnerte das "Wem is die Kerb? - UNSER!" durch den Saal und wenn es die Nauheimer waren, die da so provozierend auftraten antworteten die Einheimischen mit: "Was saufe die Naumer? - WASSER!" Die Jahrzehnte haben die eigenartigsten Schlachtrufe und Gesänge hervorgebracht. Aus den letzten Jahren stammt das folgende Werk, das wie viele dieser Rufe im Dialog zwischen Kerwevadder und Kerweborsch ausgeführt wird: 

 

Kerwevadder:                                       Kerweborsch: 
Kerweborsch, saufe mer noch?               -   Immer noch, viel schlimmer noch! 
Ein Leben ohne Liebe                              -     is wie Blutworscht ohne Griebe, 
un Blutworscht ohne Griebe                    -     is Bluns. 
Wem is die Kerb?                                     -      Uns! 
Zickezacke, zickezacke                            -      Heu, Heu, Heu. 
Was frißt die Kuh, was scheißt die Kuh?  -      Heu, Heu, Heu. 
Was hat die Polizei im Kopp?                  -      Heu, Heu, Heu. 
Was hat die Oma unnerm Rock?             -      Heu, Heu, Heu. 
Stürmer, Flanke, Schuß,                          -      Tooor! 
Ibbi                                                         -      tscha, 
ibbi                                                         -      tscha, 
ibbi                                                         -      tscha, tscha, ovambo ole. 

 

Wenn es bei solchen Versuchen auch meist beim mündlichen Schlagabtausch blieb, ab und zu setzten sich konkurrierende Gruppen auch handfest auseinander. Es ist keineswegs eine Unart heutiger Jugendlicher, die zum "Zoffmachen" und zum Spielverderben in die Säle ziehen, die Väter waren da auch nicht faul und mit dabei, wenn es ordentlich krachte, und die wiederum scheinen es von den Großvätern gelernt zu haben. Wenn die Stimmung im Saal die höchsten Wellen schlug und die Aufmerksamkeit der Kerweborsch ganz in Anspruch genommen war, dann passierte es oft, daß Lümmel aus den Nachbardörfern, Kerweborsch aus anderen Kinsteerer Wirtschaften oder auch Ex-Kerweborsch von hier sich einen Spaß daraus machten, eines der Kerwesymbole, die Fahne, die "Kerb" oder gar den Baum zu klauen. Zwischen den Kerweborsch beim "Reinheimer" und beim "Einsiedel" ging es traditionell darum, die vor der Wirtschaft aufgesteckte Kerwefahne zu erobern.Meist war dann ein höheres Lösegeld fällig, damit die Beute wieder herausgerückt wurde. 


Ein anders beliebtes Beutestück sind noch heute die Kappen der Kerweborsch, die besonders leicht den Besitzer wechseln, wenn dem Träger nach einem anstrengenden Kerwetag der Kopf auf die Tischplatte sinkt. 

 

Ein besonderer Streich gelang den Kinsteerer Kerweborsch in den frühen 60er Jahren, als eine Gruppe von ihnen, während die anderen im Saal der Nauheimer Jahnturnhalle den "Naumern" versuchten die Kerb abzukaafe, den freistehenden Kerwebaum ausgruben und umlegten. 


1977 waren es wieder die vielgeplagten Nachbarn aus Nauheim, die Ziel eines Kinsteerer Anschlages wurden. Die handgeschriebene Kerwechronik berichtet den Vorfall so: 

Auf jeder Kerb im Umkreis waren wir vertreten, den dortigen Kerweburschen die Kerb abzukaufen. Die letzte vor unserer war die Nauheimer. Die haben ja schon ein paar Jahre keine Kerweborsch mehr. Ein paar von uns liefen in der Jahnturnhalle in der Tanzpause auf die Tanzfläche und sangen. Zu unserer Überraschung klatschten die Naumer. Währenddessen klauten einige von uns die zwei winzigen Kerwebäume und stellten sie auf der Verkehrsinsel zwischen Naum und Königstädten auf. Dazwischen ein großes Schild: "Die Naumer Meedscher sind eitel und stolz, die losse sich berschde fer e Bindelsche Holz." 


Vielleicht war es gerade die Tatsache, daß die Naumer keine Kerweborsch mehr hatten, die den Kinsteerern einen derartig dreisten Reim einfallen ließ, oder ist das "Bindelsche Holz", das so gar nicht mehr in diese zentralbeheizte Zeit passte, ein Erbe der Väter gewesen, von deren "Erbfeindschaft" mit den Naumern wir jetzt schon so oft gehört haben. In früheren Jahren, so viel steht fest, wäre ein solcher Vorgang nicht ohne spürbare Reaktion der Nachbarn geblieben. 

 

Der Kerweplatz 

 

Während die Erwachsenen sich in den Sälen vergnügten zog es die Kinder auf den Bismarckplatz, wo seit Jahrzehnten der Kinsteerer Kerweplatz ist. Vorher hatten sie bei Opa und Oma, Onkel und Tante, Pedder und Goth, Mutter und Vater um Kerwegeld vorgesprochen. Ausgegeben wurde dieses auch schon vor fünfzig Jahren an den gleichen Buden und Fahrgeschäften wie heute. 

Auch wenn sich die Ausstattung der "Reitschul" vorsichtig der technischen Entwicklung anpaßte, das Sortiment am Süßwarenstand diverse Neuigkeiten enthält, am Spielwarenstand das Zeitalter der Weltraumfahrt natürlich seine Spuren in Sternenschiffen aus Plastik und Monstern von anderen Planeten aus grellfarbigem Gummi hinterläßt, es gibt noch vieles, was die Jahrzehnte überdauert hat. 

Versteckt zwischen dem Modernen lagert uraltes: die bunt umsponnenen Strohbällchen am Gummiband, mit denen man so gut seine Mitmenschen erschrecken kann, das "Bläsje", eine mit einer gefärbten Feder geschmückte ausrollende Papierschlange, die mit einer Blechzunge quäkende Töne erzeugt. Und auch die Vogelstimme ist gelegentlich noch zu haben, ein in einem kleinen Blechhalbkreis gefaßtes Zellophanhäutchen, mit dem man, auf die Zunge gelegt, mit einigem Geschick durchdringende Pfeiftöne erzeugen kann. 

Am Süßwarenstand gibt es den Waffelbruch, das Magenbrot und den türkischen Honig. Vor dem Zeitalter der Supermärkte konnte man hier vieles entdecken, was es im übrigen Jahr nirgends zu kaufen gab. Aber auch heute noch läßt die breite Auslage der Köstlichkeiten, die unverpackt ihren Wohlgeruch verbreiten, ein ganz anders Kaufgefühl aufkommen als in der plastikverschweißten Welt der Selbstbedienungsläden. 


Am Bratwurststand schmurgeln die Brat- und Rindswürste und Schaschlik, wird auf Verlangen die köstliche deutsche Currywurst zubereitet, liegen die "Fischweck" mit Lachs und Bismarckhering aus. Seit einigen Jahren gehören auch der Spießbraten und die Pommes frites zum Angebot, der Hamburger konnte sich indes erfreulicherweise bis heute nicht richtig durchsetzen. 

Schließlich die bunte Welt der Wurf-, Schieß- und Losbudengewinne: 
Wo sonst kann man heute wie vor 30 Jahren den wild sich aufbäumenden weißen Hengst mit dem Reisewecker im Bauch und der hellblau gefärbten Mähne erwerben, die sich bei schlechtem Wetter dunkelviolett färbt. Wo sonst gibt es das menschliche Gerippe als Schlüsselanhänger, den Eiffelturm als Blumenvase und die fast barbusige Zigeunerin im blinkenden Spiegelrahmen zu gewinnen.Heute wie damals versucht der Halbwüchsige der Dame seines Herzens, jetzt meist "Maus" oder "Tussi" genannt, mit selbst geschossenen Kunststoffrosen von der Schießbude zu imponieren. 

Der enge Rahmen des Bismarckplatzes hat dafür gesorgt, daß der Kerweplatz seinen Charakter nur begrenzt der Entwicklung der Zeit anpassen konnte. Die großen, modernen Fahrgeschäfte können hier nicht aufgestellt werden, das laut dröhnende Erscheinungsbild der heutigen Rummelplätze verbietet sich zwischen den dicht um den Platz gruppierten Fachwerkhäusern von selbst. 

 

Der Kerwemontag

 

Der Kerwemontag wird seit alters her zu unterschiedlichen Umzügen genutzt. Winter berichtet von der umhergehenden Musikkapelle, die den Morgensegen spielte und dafür Geld einsammelte. In den Höfen soll dabei getanzt worden sein. Aus der Mitte der 30er Jahre wird berichtet, daß die "Kerweborsch vom Hannes" gegen 9.30 Uhr Reinheimers Braunen ins "Stuhlwägelche" (ein vierrädriger Holzwagen mit Lederriemenfederung) einspannten, um alle Kerweborsch aus den Betten zu werfen und zum Frühschoppen abzuholen. 

 

Heute treffen sich die Kerweborsch um 10.00 Uhr im Kaisersaal, wo an langen Bänken und Tischen, ähnlich wie in einem Festzelt die Kinsteerer gemeinsam mit Gästen aus der Umgebung den Frühschoppen feiern. Bis ca. 1960 fand der Frühschoppen noch ausschließlich in der Wirtschaft ("Krone") statt. Bei Musik und Tanz wird heute die Kerb im Saal fortgesetzt. Zu den gerngesehenen und regelmäßigen Gästen gehörte bis in die Mitte der 60er Jahre der verstorbene Pfarrer Ramge, der gelegentlich seinen Humor unter Beweis stellte und seine Kinsteerer mit pfiffigen Späßen unterhielt. 

Im den letzten zwei Jahrzehnten ist eine Einlage von Kurt Neumann zum festen Bestandteil des Kerwemontags geworden. Wenn "'s Kurtsche" sein "Einsames Glöcklein", "Das Odenwaldlied" oder gar das etwas zweideutige "Fraa, Fraa, Fraa" im Kaisersaal anstimmt, verstummen die Gäste während der Soli, um den Refrain unterstützt von den meist anwesenden Gesangsvereinsmitgliedern mehrstimmig mit voller Stimme mitzusingen. 


Die Kerweborsch allerdings bleiben an diesem Tag nur kurz im Kaisersaal. Dann treten sie mit Traktor und Rolle eine Rundreise  durch die Königstädter Wirtschaften an, in denen ebenfalls ein Frühschoppen stattfindet. In den letzten Jahren besuchten sie regelmäßig die Altentagesstätte in der Rathausstraße, wo gelegentlich den Senioren der Kerwespruch von Sonntag nochmals zum Besten gegeben wurde. Auch den Fußballern der Alemannia gilt ein Besuch und für ein paar gut vorgetragene Lieder gibt es dort auch schon 'mal ein Freibier. Zuletzt geht es zu den Turnern. Dort bleiben die Kerweborsch bis zum Ende des Frühschoppens. 

 

Auch an diesem Tag wird von ehemaligen Kerweborsch versucht den Diesjährigen mit manchem Schabernack die Kerb ein bißchen schwer zu machen. Immer wenn sie unterwegs Traktor und Rolle abstellen, lassen sie darum zwei Kerweborsch als Wache zurück, denn in der Vergangenheit wurde ihnen mancher Streich am abgestellten Gefährt gespielt, während sie fröhlich in der Wirtschaft sangen. In weiser Vorraussicht wird auf jeden Fall "des Neusteckding" ("Hineinsteckding", gemeint ist der Splint zwischen Wagendeichsel und Kupplung) in Sicherheit gebracht, denn ohne dieses Neusteckding kann der beste Traktor die Rolle nicht ziehen. 


Allen Vorkehrungen zu Trotz gelang es vor nicht allzulanger Zeit einigen besonders dreisten Zeitgenossen, den Traktor zu entführen. Die erstaunten Kerweborsch fanden ihre Wache gefesselt bei der Rolle liegen. 


Zum Abschluß des Tages treffen sich die Kerweborsch beim "Ivo" zum gemeinsamen Essen. (Ivo ist der jugoslawische Wirt des "Königstädter Hofes".*) 


Heute - 2000 - ist der "Königstädter Hof" im Besitz von Mila und Willi Berndt. 

 

Die Zeit vor der Nachkerb

 

In früherer Zeit, so berichtet Winter, endete die Kerb am Dienstag mit dem Begraben der Kerb. Heute geschieht das erst nach Nachkerb. Die Woche zwischenden den Kerben ist trotzdem gut ausgefüllt. Dienstags wird die Rolle abgeschmückt. Da die Dekoration in der Regel aus Kreppapier besteht und nachdem an Kinsteerer Kerb der Regen praktisch schon dazugehört, gibt es auch genug zu putzen. Die vom Wasser aufgelöste Farbe hinterläßt häßliche Spuren. Der Lattenaufbau und das Schild "Kinsteerer Kerweborsch 19.." werden bis zu nächsten Jahr aufbewahrt. Nach der Arbeit geht's zur "Alemannia", denn dort lädt der Wirt alle Kerweborsch zu einem Essen ein. 


Mittwochs steht die letzte Kerweborschsitzung des Jahres auf dem Programm. Diese findet meist bei dem diesjährigen Kerwevadder statt. Dort entscheidet sich, nachdem die Planung der Nachkerb abgeschlossen ist, wer Humpenkönig wird. Der Humpenkönig wird seit Ende der 70er Jahre gekürt. Über alle Kerweborschsitzungen hinweg wird eine Strichliste geführt, wieviele Humpen (1 Liter) jeder Kerweborsch geleert hat. Das Humpentrinken wird nach den bekannten Regeln des Stiefeltrinkens durchgeführt. Das bedeutet, daß das Glas um den Tisch herum weitergegeben wird. Dabei müssen alle darauf achten, daß der folgende Trinker den Humpen nicht leert, denn der Vorletzte zahlt den nächsten. Dies ist nun die letzte Gelegenheit, einen evnetuellen Rückstand noch aufzuholen. Der Humpenkönig erhält einen Wanderpokal mit Namensgravur, der mit purem Weinbrand gefüllt ist. Der Pokal muß "auf Ex" geleert werden. 

Donnerstag ist dann zum ersten Mal seit einer Woche frei. Es finden sich aber meist doch ein paar unverwüstliche Kerweborsch zu einem Kinobesuch zusammen. 


Freitags treffen sich alle in der Krone zu einem sogenannten Stammtisch. 


Am Nachkerwesamstag sammeln die Kerweborsch im Dorf für die Tombola am Sonntag. Neben den gesammelten Preisen werden immer auch einige gekauft, denn das Playboy-Magazin beispielsweise ist ein langjährig enthaltener Preis, wird aber sehr selten gespendet. Nach dem Aufbau der Tombola treffen sich die Kerweborsch zum gemeinsamen Kaffeetrinken. 

 

Nachkerwesamstag

 

Und noch einmal Tanz

 

Um 20.00 beginnt heutzutage  die letzte Tanzveranstaltung der Kerb. Früher gab es statt samstags am Sonntag um 16.00 Uhr den letzten Kerwetanz. 


Mit Tanz, Gesang und kleinen Einlagen klingt die Kerb im Saale aus. Aber noch einmal wird es spannend, wenn zu Tombola die Lose verkauft werden. Begonnen hatte es einmal mit der Verlosung des Kerwebaumes (erstmals erwähnt 1962), heute enthält die Tombola darüberhinaus von Königstädter Geschäftsleuten gespendete Preise und, wie könnte es in Kinsteere anders sein, die eine oder andere Überraschung und Kostproben echt Kinsteerer Humors. Beispielhaft sei hier ein Geschehnis wiedergegeben, das unter dem Titel "Gilligans Läden" in die Kerwegeschichte eingegangen ist: 

 

Gilligans Läden

 

Der ehemalige Kerwevadder Reinhard Hill, der bei den Kerweborsch als Gilligan bekannt ist, macht sich öfters einen Sport daraus, die Kerweborsch zu ärgern. Doch 1987 bekam er die Quittung: Als er sich am Nachkerwesamstag im Saal vergnügte, machten sich heimlich fünf Kerweborsch auf den Weg in die Obergasse. Zurück kamen sie mit den Fensterläden des besagten Reinhard Hill. Sie wurden als Preis für die Tombola ausgezeichnet, aber noch versteckt gehalten. 
Wie zufällig gewann er bei der folgenden Verlosung seine Fensterläden. Sein Tombolagewinn kam ihn teuer zu stehen, denn er brauchte ja einige Leute, die ihm halfen, die Fensterläden wieder an ihren Platz zu bringen. Die Kerweborsch waren selbstverständlich hilfsbereit und brachten die Läden wieder zurück, wohlwissend, daß eine solche Aktion eine kleine Entlohnung verlangte. 
Und so fand im darauffolgenden Jahr eine grosse Sitzung im Wohnzimmer der Hills statt, bei deren Verlauf  dann die Hausbar des Gastgebers verloren ging. Genauer gesagt fanden sich die leeren Flaschen wieder, lediglich der Inhalt war verschwunden. 
Im darauffolgenden Jahr hatte Herr Hill seine Vorkehrungen getroffen, nur hätte er besser die Kerweborsch nicht mit der Äußerung herausgefordert, daß er dieses Jahr seine Läden festgemacht habe. Die konnten eine solche Provokation nicht auf sich sitzen lassen. So kam es, daß Herr Hill auch in diesem Jahr seine Läden als Hauptgewinn bei der Tobola zog. 


So wie in dieser kleinen Affäre, wird der Tombola alljährlich mit kleinen Manipulationen ein spezieller Reiz verliehen. Auch bei der Verlosung des Kerwebaumes war nicht immer nur der Zufall im Spiel. Diesen gewinnt in der Regel ein früherer Kerwevadder, ein besonderer Gönner der Kerb, oder zumindest einer, von dem man annimmt, daß er sich dieses besondere Glück eine Kleinigkeit kosten läßt: Eins haben die Kerweborsch nämlich immer, entweder Hunger oder Durst oder Ebbe in der Kerwekasse. 

 

Nachkerwesonntag

 

Schubkarrenrennen wie in alter Zeit

 

1973 fand nach 40jähriger Pause erstmals wieder ein Schubkarrenrennen in Königstädten statt. Wie Winter berichtet, war dieses seit Menschengedenken Bestandteil der Kinsteerer Kerwetradition, wenn auch früher gelegentlich am Kerwemontag geübt. 


Schon eine Stunde vor Beginn versammelten sich am Bismarckplatz sehr viele Zuschauer, darunter auch die Veteranen aus den 20er und 30er Jahren. Start und Ziel wurde bestimmt, 6 Karren auf ihre Eignung geprüft und mit einem großen Sack Kartoffeln beladen, die Startpistole geladen. Die Rennstrecke wurde für den Durchgangsverkehr gesperrt, durch Probeläufe pendelten sich die Wettkämpfer auf ihr Höchstform ein. 


Viele alte Kinsteerer waren dabei und dachten an die Zeit, wo "in de Naumer Stroß" zur Kerb die Rennen gefahren wurden, "fun de Füllwaad bis zum Schmiddekall". 

Heute haben sich zum Schubkarrenrennen noch einige weitere Disziplinen hinzugesellt und die Veranstaltung wurde zum "Kinsteerer Sportabzeichen" ausgeweitet. Die neuen Wettbewerbe sind u.a.: das Kinsteerer Quiz, ein Hindernislauf mit einem vollen Serviertablett und ein Lewwerworschtwettessen. Den Gewinnern winken flüssige Preise und echte Medallien. Nachdem es am Nachkerwesonntag keinen Tanz mehr gibt, enden öffentlichen die Veranstaltungen der Kerb mit dem Kinsteerer Sportabzeichen. 

 

Begraben der Kerb

 

Am Samstag nach Nachkerb wird der Kerwebaum umgelegt. Nach der Herrichtung des Bismarckplatzes 1986 ist das nicht mehr so einfach. Es muß Rücksicht auf das Pflaster und die Laternen genommen werden. Man vertraut diese Arbeit darum heute einem Fachmann an, während die kleinen im Dorf aufgestellten Bäume von den Kerweborsch eingesammelt werden. Ist diese Arbeit getan, schreiten die Kerweborsch feierlich zur letzten Amtshandlung der Kerb. 

Wie schon vorstehend erwähnt wurde ganz früher die Kerb schon am Kerwedienstag beerdigt. Damals fuhr man alle bei der Kerb angefallenen Scherben mit einem Schubkarren in den Wald hinaus und vergrub sie in einem Erdloch. Die Kerweborsch der Kinolore beerdigten die Kerb 1948 und 1949 in Form einer echten Flasche Wein, wohingegen aus Vorkriegszeiten von den Kerweborsch beim Reinheimer berichtet wird, daß sie die Weinflasche mit Wasser füllten, bevor sie beerdigt wurde. 


Heute wird die Kerb nach dem Umlegen des Baumes begraben. Dazu treffen sie sich abends in alten schwarzen Anzügen mit übergroßen Taschentüchern und mit einem Spaten. Der Kerwevadder hat eine leere Weinflasche und eine selbstgeschriebene Botschaft dabei. Anschließend ziehen sie mit lauten Geheul durch die Strassen. Der Weg führt schließlich in ein Waldstück. 


An einer markanten Stelle wird ein Loch gegraben. Nun verliest der Kerwevadder die Botschaft, die ein Grußwort an die nachfolgenden Kerweborsch darstellt. Bei der Beisetzung herrscht eine feierliche Stimmung, denn nun ist die Kerb endgültig vorbei. Nach der Zeremonie gehen die Kerweborsch ohne Umwege zum "Presse Schorsch", um die "Kerb zu verfresse". Der ehemalige Kerwevadder und Kerwewirt lädt die Kerweborsch seit einigen Jahren an diesem Tag zu Schnitzel mit Rahmsoße ein. 


Es gab Jahrgänge, die diese Zeremonie der Beerdigung der Kerb so erst nahmen, und so sehr wie eine wirkliche Beerdigung ausstattete; der als Pfarrer verkleidete Kerweborsch trug Talar und Bäffchen und gab sich alle Mühe, den wirklichen Pfarren zu kopieren, daß die hießige Geistlichkeit Anstoß dran nahm. 

 

Vorbei ist nun die Kerwezeit mit ihren tollen Tagen. Wir stehen jetzt am Grabe hier, wo sie ein Jahr soll schlafen. Drum laßt sie ruhn, drum laßt sie schlafen. Ihr werdet sie in neuem Glanz das nächste Jahr ausgraben. Dann seumer hoffentlich wirrer so froh beinanner 
um unser rot-weiß Fahnebanner. 

 

Diese Worte wurden bei der Beerdigung der Kerb 1959 der nächstjährigen Kerb mit auf den Weg gegeben. 

 

 

Kinsteerer Kerb 2017


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Bis zur Kerb vom 21.-29.10.2017